Buch-Rezensionen

„Sonnenspiel“ von Andrea Grill: Eine apulische Madonna verhilft einer Mode-Journalistin und einer Näherin zu einer überraschenden Freundschaft.

Zwei Frauen mit Spitzenqualifikation in der Mode treffen in Apulien aufeinander. Die eine ist eine bekannte Mode-Journalistin für die wichtigste Tageszeitung in New York und macht Ferien am Strand. Die andere ist eine einheimische Witwe, lebt mit Eltern und drei Kindern im Dorf und arbeitet als begehrte Näherin für Luxus-Marken. Loredana veredelt Kleider, Röcke, Kostüme, Hosen mit dem letzten Schliff und Pfiff. Mit Rüschen, Stickereien, Ziernähten, Knöpfen nach ihrem Design. Zwanzig, dreißig Stücke am Tag macht sie fertig, sie ist Heimarbeiterin im Akkord. Das will die glamouröse Journalistin nicht hinnehmen, sie wittert ein schlagkräftiges Thema und will Loredanas soziale Situation anprangern, ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen, höhere Bezahlung einfordern. Deswegen schleicht sie sich in Loredanas Haus, die sie prompt in die Speisekammer sperrt. Nicht für Stunden, sondern für Tage. Loredana will keinen Bericht, sie will sich ihr Leben und ihre Arbeit nicht schlecht reden lassen. Und sie weiß ganz genau, dass die Journalistin noch nicht mal ahnt, wie streng die Regeln im Dorf sind. Nach der Befreiung aus der Speisekammer sind es Loredanas Kinder, die den ungebetenen Gast in ihre Welt hinüberziehen. Sie lieben die ungewohnten Spiele mit der Fremden und die Zeit, die sie ihnen widmet. Der ständige Ärger zwischen den beiden Frauen löst sich auf wundersame Weise, als Loredana ein neues Kleid für die angebetete Madonna der Ortskirche nähen soll. Sie werden die Fasern der Sonnenspiel-Pflanze nutzen und hecken eine revolutionäre Idee für die Bekleidung aus. Und so stiftet die Madonna eine vielversprechende Freundschaft zwischen den beiden Frauen. Das ist leicht, klar und gut erzählt, die Fäden sind geschickt verwoben. Die Perspektive wechselt von Kapitel zu Kapitel und ergibt gut nachvollziehbare Porträts beider Hauptfiguren. Dabei lernt man eine Menge über die Niederungen der Haute Couture oder Alta Moda, über den Arbeitsalltag einer Näherin und die Wahrheit hinter den hochpreisigen Einzelstücken. Eine schöne Geschichte, die Apulien-Reisende an vertraute Orte führt und sehr gut ohne den Schlenker ins Krimi-Genre am Ende ausgekommen wäre. Leykam Buchverlag, 256 Seiten, 25,50 Euro

Winterglück und Inselzauber. Ein Weihnachtsfest auf Borkum.
Von Claudia Schirdewan.

Die Nordseeinsel Borkum versinkt kurz vor Weihnachten in Schnee und Eis. Der Wintersturm sorgt dafür, dass der Fährverkehr eingestellt wird und niemand mehr die Insel verlassen kann. Uns so sitzen auch Julias Gäste fest, die in der kleinen, etwas maroden Pension „Meereszauber“ ein paar Tage Vorweihnachtsurlaub verbracht haben. Bald liegen die Nerven blank, weil auch Telefon und Internet ausfallen. Julia und ihrem kleinen Sohn fällt es zunächst schwer, all dem Ärger etwas entgegenzusetzen. Beide trauern noch um Julias Mutter Thea, die geliebte Oma, die vor kurzem verstorben ist. Doch zwangsweise werden alle entschleunigt und entdecken ganz neue Seiten an sich selbst und an der besonderen Stimmung einer Hochseeinsel in schwerem Wetter.
Jeder tut, was er kann und trägt so bei zu einem ganz besonderen Weihnachtsfest unter Fremden, die zu Freunden werden. Und zu neuen Paaren. Leicht erzählt, mit viel Romantik – ein Winterschmöker fürs Herz. (Verlag Bastei Lübbe, 12 Euro, 288 Seiten)

Mr. Saitos Reisendes Kino von Annette Bjergfeldt: Ein Tango des Lebens, ein Hoch auf die Liebe

Es ist der letzte Satz des Buches, der alles auf einen Nenner bringt: „Uns bleibt keine Zeit für etwas anderes als die Liebe.“Kleine und große Wunder durchziehen dieses Buch und verzaubern den Leser. Da ist Fabiola, bei Nonnen in Buenos Aires aufgewachsen, die ein angeborenes Talent für Tango hat und den magischen Blick für Füße und Schuhe. So wird sie zur begehrten Schuhverkäuferin für die Prominenz, bis sie in politische Proteste verwickelt wird und mit ihrer kleinen Tochter auf ein Schiff flieht. Auf einer kleinen windumtosten Insel in Kanada werden sie an Land gesetzt. Und Carmelita, genannt Lita, wird alles dafür tun, damit ihre großstadt- und tanzssüchtige Mutter Fabiola auf diesem einsamen Eiland bleibt. Lita findet hier die Großfamilie, von der sie immer geträumt hat. Die gleichaltrige Oona, die gehörlos ist, aber perfekt Lippen lesen kann, wird ihr zur Schwester. Deren Mutter Maggie, die das Seemannsheim Betlehem, mit warmer Gastfreundschaft und noch wärmeren Suppen führt, wird zu Zweitmutter. Und Maggies Ehemann Albert, den ein eisernes Korsett zusammenhält, weil ihn ein Wal einst an Land gespuckt hat, wird zum lebensrettenden Freund. Weitere wundersame Lektionen fürs Leben erteilt der Tierarzt, der am liebsten einer Schallplatte mit Herztönen des Dorfes lauscht, und den Mädchen Schulstunden in Anatomie und griechischer Mythologie erteilt. Das größte Wunder aber ist Mr. Saitos, der einmal im Jahr mit seinem Wanderkino auf der Insel erscheint. Die Mädchen sind verzaubert von den Lichtspielen. Als Oona dank des Einsatzes von Schweinsblasen als Trommelfell ihr Gehör wieder findet, führt Mr. Saitos sie in die Kunst des Geräuschmachens ein. Lita lernt, Filme zu schneiden und beide machen später in der Filmwelt ihr Glück. Fabiola eröffnet auf der von ihr einst so verpönten Insel einen erfolgreichen Tango-Club samt hoffnungsvollem Liebhaber. Die Geschichte ist so leicht erzählt, so herzenswarm im Ton, so voller liebenswerter Figuren, dass man sie gar nicht loslassen, sondern mit ihnen über das Ende des Romans weiterschweben möchte.

Harper Collins Verlag, 541 Seiten, 24 Euro

„Damals waren wir unzertrennlich“ von Elisa Shua Dusapin, aus dem Französischen übersetzt von Andreas Jandl

Schwestern, aber keine Freundinnen. Agathe und Véra räumen ihr Elternhaus im Périgord aus.Die ältere Schwester Agathe ist eigens aus New York angereist, wo sie als Drehbuchautorin lebt. Véra hat zuletzt im Haus gelebt und auch eine innige Beziehung zum verstorbenen Vater gehabt. Darum beneidet Agathe sie. Die Mutter hat die Familie verlassen, als die Mädchen noch klein waren. Kurz zuvor, mit sechs Jahren, hat Véra aufgehört zu sprechen. Die beiden Schwestern waren als Kinder unzertrennlich, Agathe hat die stumme kleine Schwester vor anderen Kindern und vor allem anderen Unbill beschützt. Und dabei nicht bemerkt, dass Véra eine eigene wehrhafte Persönlichkeit ist. So spuckt sie kurzerhand einer boshaften Mitschülerin auf den Teller. Agathe ist heute noch beleidigt, dass sie so viel für ihre Schwester getan hat, und die sich nie wirklich geöffnet hat. Heute beschwert sich Véra, dass sie nichts Ernsthaftes aus Agathes Leben erfährt. „Du tust als wäre ich nicht da. Du sagst mir nichts.“ Ein Vorwurf trifft Agathe besonders: Früher hätte ich mich für sie geschämt, und jetzt tue sie mir leid. Tatsächlich hat Agathe lange geglaubt, dass ihre kleine sprachlose Schwester nicht lesen würde. Sie muss feststellen, dass Véra sich bestens auskennt mit Literatur. Sie hat geglaubt, dass Véra nicht zu Beziehungen außerhalb der Familie fähig ist und muss feststellen, dass sie ein enges Verhältnis zu ihrem Jungendfreund entwickelt hat. Sie sind Schwestern, aber sie kennen sich eigentlich gar nicht. Die Erwartung an eine unerfüllte Kindheits-Beziehung und der Anspruch an eine geforderte Nähe zwischen Schwestern führen zu Explosionen und Aggressionen. Das ist sehr fein gezeichnet und erzählt, kleinste Risse werden deutlich in Dusapins klarer Sprache. Und man freut sich mit Véra und Agathe über jede noch so kleine gelungene Annäherung.

Verlag Kein und Aber, 144 Seiten, 23 Euro

Dius von Stefan Hertmans

Übersetzt aus dem Niederländischen von Ira Wilhelm

Die Passionsgeschichte einer Männerfreundschaft vor niederländischen Wolken

Ein charmanter Kunststudent mit Ecken und Kanten wirbt fast schon unverschämt hartnäckig um die Freundschaft seines Professors. Der wehrt sich anfangs gegen dieses unhöfliche Eindringen in seine Privatsphäre. Dius, der eigentlich Egidius heißt, bietet dem viel älteren Anton sogar eine Studierstube in einem Landhaus an. Und tatsächlich findet der dort einen idealen Rückzugsort. Die beiden Männer entwickeln ihre tiefe Freundschaft in langen Spaziergängen und nächtelangem gemeinsamen Lachen. Sie teilen auch die Leidenschaft für alte Meister und Barockmusik und für die weite Polderlandschaft mit ihrem speziellen Licht, das so viele Maler inspiriert hat. Nach und nach entdeckt Anton, dass Dius ein genialischer Künstler ist, der sich den Konventionen des akademischen und ökonomischen Kunstbetriebs verweigert. Der Anklang des Namens Dius an das göttliche Deus gewinnt immer mehr an Sinn. Der Professor opfert dieser Freundschaft die Liebe zu zwei Frauen. Als Dius heiratet und nach Italien zieht, fällt es Anton lange schwer, wieder ins Gleichgewicht zurückzufinden. Jahre später gibt es ein Wiedersehen: Dius ist ein anderer. Ein Unfall und eine schwere Krankheit haben seine Persönlichkeit verändert. Die beiden Männer gehen den Weg ihrer Freundschaft bis zum Ende, das auch Erlösung mit einem Schuss Happy End bedeutet. In jedem Fall ein sehr bewegender Roman zwischen Freundschaft und Liebe. Sehr fein erzählt mit poetischen Seelenbildern .

Diogenes Verlag, 362 Seiten, 26 Euro

Was wir wissen können von Ian McEwan: Eine literarische Schnitzeljagd zwischen Vergangenheit und Dystopie

Es ist ein faszinierendes Netz, das Ian McEwan auslegt. Vom Jahr 2014 ins Jahr 2119, zwischen Dichtern, Literaturwissenschaftlern, Kritikern, Professoren – Männer und Frauen. Der Literaturwissenschaftler Thomas Metcalfe sucht ein verschollenes Gedicht von Weltrang. Der hochberühmte Dichter Francis Blundy hat es 2014 auf Pergament von Hand geschrieben und seiner Frau Vivien zu ihrem Geburtstag vorgetragen. Ein einziges Mal. Seitdem ist es verschollen und Heerscharen von Akademikern widmen sich der Suche und dem Schreiben über das Gedicht. Hat Blundy damals den Untergang der bekannten Welt vorhergesagt, beinhaltet das Gedicht die Trauer über die verschwindende Pflanzen-und Tierwelt oder ist es der Liebe zu Vivien gewidmet? Fragen über Fragen, die um so schwerer zu beantworten sind, weil so viele Möglichkeiten verschwunden sind. Internetnutzung ist auf wenige Stunden begrenzt, Datenbanken sind in Nigeria gesichert und werden dort verwaltet. Europa ist zur Inselwelt geworden. Nur wenige Bibliotheken sind noch ohne Gefahr für Leib und Leben zu erreichen. Kaum jemand kann noch von Hand schreiben. Das gesamte Leben ist viel langsamer geworden. Manche Waren wie Schokolade oder Kaffee sind zu Kostbarkeiten geworden. Und in den USA herrschen Warlords und ihre Banden, die von jedem Ankommenden erstmal Schutzgeld erpressen. GPS ist schon lange abgestellt, die Satelliten sind vom Himmel gefallen. Das ist düster und spannend zugleich, auch weil in dieser kaum beherrschbaren Welt alles gleichförmig geworden ist, und doch Thomas Metcalfe und seine Ex-Frau Rose mit Hacke, Schaufel und Zelt ein Abenteuer wagen auf der Suche nach dem Manuskript und in einen Kriminalfall verwickelt werden. Die ausgedehnte Anlehnung an Blundy’s Gedicht und den ganzen literarischen Zirkel seiner Zeit fordert dem Leser durchaus Durchhaltevermögen ab. Allerdings folgt man dann auch atemlos dieser Tour de Force durch eine mögliche Zukunft. Beeindruckend.

Diogenes Verlag, 480 Seiten, 28 Euro

Sophia Klink: „Kurilensee“

„Kurilensee“ erzählt von der Wissenschaftlerin Anna und ihren Kollegen, die auf der russischen Halbinsel Kamtschatka den Lachsbestand vor dem Klimawandel retten sollen. Eine ökologische Herausforderung, die den ökonomischen Faktor Fisch erhalten soll. Möglich ist das nur noch durch einen Eingriff: Phosphatdüngung in den See. Aber was wird das für Folgen haben? Anna ist voller Zweifel und leidet unter der herablassenden, gleichgültigen Haltung ihrer Kollegen. Auch ihr Liebster Vova, Ranger auf der Station, mag sich nicht offen zu Annas Argumenten bekennen. Der Roman ist ein fesselndes Eintauchen in die Gedanken- und Gefühlswelt einer Wissenschaftlerin, für die jedes Leben in Zellen und Chromosomen vor ihrem inneren Auge erscheint. Das ist teilweise sehr, manchmal zu detailliert beschrieben. Doch äußerst ungewöhnlich der Perspektivwechsel, wieviel Mücke bin ich, wieviel Mensch ist die Mücke? „Meine Haut ist ein gedeckter Tisch für sie….Schon jetzt bestehen ein paar dieser Mücken zum Teil aus mir und ich zum Teil aus ihnen.“ Anna findet es schön, auf diese Weise den Lachsen als Nahrung zur Verfügung zu stehen. Deswegen stören sie die Stiche kaum. Auch ein mögliches Bewusstsein der Lachse beschäftigt sie, wie werden sie auf den erneuten Eingriff der Wissenschaft reagieren, Anpassung oder Auslöschung? Das alles spielt vor der phantastischen Naturkulisse von Vulkanen und weidender Bärenfamilien. Die Liebesgeschichte zwischen Anna und Vova ist fein  eingewoben und schafft eine dichte poetische Atmosphäre. Das Thema Klimawandel in einer gelungenen literarischen Umsetzung. (Frankfurter Verlagsanstalt, 2025, 240 Seiten, 24 Euro )

Anna oder: Was von einem Leben bleibt von Henning Sußebach (C.H.Beck Verlag, 205 Seiten, 23 Euro

Wir sind Zwerge auf den Schultern von Riesinnen: Das ist ein Fazit aus der erzählerischen Annäherung von Henning Sußebach an seine Urgroßmutter Anna. Anna kommt Ende des 19. Jahrhunderts als Lehrerin an eine Dorfschule im tiefsten Sauerland. Eine heimliche Liebe verbindet sie mit Clemens, dem etwas jüngeren „Prinzen“ des Ortes. Clemens ist Sohn und Alleinerbe des Mannes, dem grosse Landwirtschaft, die Posthalterei, das Wirtshaus und der Einzelhandel gehören. Eine gute Partie, aber nicht für eine einfache Lehrerin. Die Familie lehnt Anna rundheraus ab. Zudem ist es Lehrerinnen verboten zu heiraten. Anna müsste ihre Stelle aufgeben. Ein Techtelmechtel kommt auch nicht in Frage, sie muss Vorbild sein. Zwölf lange Jahre heißt es, ganz im Stillen sehnen, begehren, sich quälen. Und hier kommt das ganz besondere an Sussebachs Erzählkunst ins Spiel. Er lässt uns ahnen, was das bedeutete: keine Ablenkung, kein Radio, kein Fernsehen, kein Internet. Hier und da ein paar heimliche Gedichtzeilen. Sußebach muss mit fast nichts auskommen auf dem Weg zu seiner Urgroßmutter, ein Poesiealbum, eine Tasse, ein paar Bilder. Und viele Erzählungen. Aber wer erzählt da? Niemand aus Annas Generation. Weitergegebene Familiengeschichten in allerlei Variationen. Wenig verbriefte Fakten gibt es, zum Beispiel der Tod von Clemens Vater, auf den ruckzuck endlich die Hochzeit folgen kann. Anna arbeitet sich in das Unternehmen ein. Und als nach kürzester Zeit Clemens tragisch durch einen Unfall stirbt, schmeißt sie den Laden alleine. Wird auch Poststellenleiterin, unerhört zu dieser Zeit, und trotz aller Anfeindungen durch Clemens Familie und den Alteingesessenen. Jahre später sucht sie sich wieder einen Mann zum Heiraten, diesmal neunzehn Jahre jünger.
Eine erstaunliche Frau, die einfach frei entscheidet, was gut für sie ist. Sussebach behauptet nie, dass er Anna kennt, dass er sie versteht . Im Gegenteil, er benennt die Lücken und kreist Annas Leben durch historische Fakten ein. Er schafft Möglichkeiten, dass wir uns selbst Bilder von Anna machen. Sie selbst umgarnen und einfangen . Das schafft eine große Anziehung und erstaunliche Nähe. Und dann dreht er den Spieß um und lässt Anna auf uns blicken, auf das, was wir trotz aller unserer Möglichkeiten nicht geschafft, verbessert und zum Guten gebracht haben. Danke Anna. Ein außergewöhnliches, meisterhaftes Porträt.

Schwebende Lasten von Annett Gröschner, C.H.Beck Verlag, 282 Seiten, 26 Euro

Hanna muss 1939 ihren geliebten Blumenladen schliessen, im Krieg hat niemand Sinn und Geld für Sträuße und Gestecke. Von jetzt an geht‘s bergab:
Hanna, Karl und ihre Kinder müssen mehrmals ihre Wohnung aufgeben, werden ausgebombt, zwei Kinder und die Schwiegermutter kommen um, Karl verliert bei einem Arbeitsunfall ein Bein.
Trotz Armut, Angst und Erschöpfung gelingt es Hanna, die Familie zusammenzuhalten. Wenn es ganz schlimm kommt, spricht sie mit Blumen, die sie aus den Trümmern holt. Der Trost der Blumen zieht sich durch ihr Leben und durch das Buch. Jedes Kapitel beginnt mit einem kleinen Porträt von Blumen oder Insekten. Hanna erlebt die Zerstörung Magdeburgs durch Bomben der Aliierten, die sowjetische Besetzung, die Gründung der DDR. Und sie wird wieder wer: Kranfahrerin im Schwermaschinenbau, hochspezialisiert, hochgeachtet. Für sie ist das Aufstieg und Abstand, heilende Kräfte. Und als Hanna in Rente geht, erweisen sich ihre Töchter und Enkel als Glücksfall. Obwohl jede neue Schwangerschaft das Leben der Familie in den Kriegsjahren noch elender gemacht hatte. Annett Gröschner schafft mit schlichten Worten eine so große Nähe zu Hanna, dass sie eine Freundin wird. Man wünscht ihr das Beste und teilt mit ihr das Schreckliche. Eine große Erzählung vom Schicksal der Millionen Frauen dieser Generation in Ostdeutschland, über deren Geschichte bisher kaum jemand sprach.

Die Sprache meines Bruders von Gesa Olkusz| Deutscher Buchpreis 2025 Longlist , Residenz Verlag, 224 Seiten, 25 Euro

Klar und ohne Umschweife entwirrt Gesa Olkusz die Fäden unausgesprochener Emotionen. Dank ihres Sprachzaubers webt sie daraus neue Muster. Eine Frau ist mit ihren beiden Söhnen aus Polen in die USA ausgewandert. Warum weiß nur sie. Sie bringt Kasimir und Parker ihre neue Welt nahe, dann zieht sie sich zurück aus dem anstrengenden Leben. Heiter und gelassen bleibt sie im Bett und lässt die Zeit verstreichen. Bis zu ihrem Tode wetteifern die Söhne um ihre Zuneigung und suchen eine gemeinsame Sprache.
Kasimir ist arbeitslos, verlässt das Haus fast nie. Parker schlägt sich als Taxifahrer durch. Beide gefangen in Situationen, die Ihnen unauflösbar scheinen. Bis Luzia auftaucht, eine selbstbewusste furchtlose Vagabundin. Parker bietet ihr das Zimmer der verstorbenen Mutter an. Sie schrammen an einer Beziehung vorbei, weil Luzia immer in Bewegung ist. Ihr Ziel ist die Karibik. Parker versteht nicht, warum man miteinander weggehen muss, um zusammen zu bleiben. Luzia verschwindet, lässt einen Hinweis zurück, wo sie zu finden ist. Den aber entdeckt Kasimir. Und plötzlich macht er sich auf den Weg, alles gerät in Bewegung. Auch Parker, der in Liebeskummer versunken ist. Ein schnöseliger Milliardär steigt in sein Taxi. Parker lässt sich auf einen zweifelhaften Pakt mit ihm ein. Selten wurden Romanfiguren so poetisch aus ihren Untiefen gerettet.

„Lázár“ von Nelio Biedermann: Eine packende Familiengeschichte in den Wirren des 20. Jahrhunderts

Nelio Biedermann ist in der Schweiz aufgewachsen, 22 Jahre alt und sein Roman wird bereits in zwanzig Sprachen übersetzt. Er hat die literarische Welt verzaubert. Er erzählt die Geschichte einer ungarischen Adelsfamilie über mehrere Generationen. Es ist seine Familie väterlicherseits, die nach dem Aufstand 1956 gegen die sowjetischen Panzer in die Schweiz fliehen konnte.Der Roman beginnt mit der Geburt von Lajos von Lázár, einem Kind mit blonden Haaren und wasserblauen Augen. Seine Mutter Mária hat ihm ein Geheimnis mit ins Leben gegeben, das niemand je aufdecken wird. Aber seinem Vater wird er immer rätselhaft sein, Nähe wird sich nie einstellen. Die Welt der Lázárs wird erschüttert durch den Untergang des k. und k. Reiches der Habsburger. Auch der Glanz des ungarischen Adels erlischt nach und nach. Lajos Onkel Imre zieht sich ins Dunkel seiner Seele zurück. Mária verzweifelt an ihrer Welt. Lajos und seine Frau Lilly werden in einer glücklichen Zwischenphase den materiellen Gütern und dem Landbesitz noch einmal zur Blüte verhelfen, bis der zweite Weltkrieg und die Stalinisten über Ungarn hinwegfegen und der Adel samt seiner Besitzungen Geschichte ist. Lajos, Lilly und die Kinder Eva und Pista werden deportiert und zur Arbeit in der Landwirtschaft gezwungen. Dazwischen findet das ganz normale Leben statt mit Liebesleid und Liebesfreud, Sehnsüchten, Enttäuschungen, Verletzungen, Verrat und Versöhnung. Das alles kann Nielio Biedermann so plastisch und intensiv erzählen, dass man sich in eine Art Downton Abbey versetzt fühlt. Immer wieder lässt er seine Belesenheit durchblitzen und durchzieht je nach Situation seine Erzählung mit poetischen Zitaten. Niemals langweilig, immer fesselnd.

Rowohlt Berlin Verlag, 2025, 336 Seiten, 24 Euro

„Furye“ von Kat Eryn Rubik: Ein Roman voller Kraft, voller verzweifelter Liebe zum Leben, poetisch und rhythmisch.

Drei junge Frauen an der Schwelle zum Erwachsensein. Sie haben Angst davor, verweigern sich und wehren sich. Um sich mental zu panzern, schlüpfen sie in modernisierte Rollen der antiken Rachegöttinnen, der Furien: Alec, Meg und Thess. Meg und Thess sind seelisch vernachlässigt. Megs Mutter ist Alkoholikerin, hat aber Geld. Für Meg sind Kleider, Drogen, Drinks die Betäubungsmittel der Wahl, obwohl sie das Leben ihrer Mutter verabscheut.Thess muss machtlos zusehen, wie ihr Vater ihre Mutter jeden Tag prügelt. Sie versucht, mit ruhiger Vernunft ihr eigenes Leben und das der anderen zu meistern und scheitert als erste daran. Alec ist sozial unterlegen, sie kann sich die Privatschule nur mit Stipendien leisten. Aber sie hat glückliche Eltern, die sie bedingungslos lieben. „Das Geschenk des Lebens nicht wegwerfen, das deine Eltern dir gemacht haben“, ist Alecs Leitspruch, der sie immer wieder weiterleben lässt und am Ende aus dem tiefen Loch der Vergeblichkeit einer großen Liebe retten wird.Alec ist die Erzählerin, mit dem Blick der dreißigjährigen erfolgreichen Musikmanagerin auf die Vergangenheit. Damals wollten sie die Macht ihrer Körper ausprobieren und erfuhren, wie schnell Frauen körperlich unterlegen sind und sexuell bedroht werden. Meg schmiedet gewalttätige Rachepläne, Alec konzentriert sich auf ihre große Jugendliebe Romain. Erst als Erwachsener wird er bei einem Wiedersehen seine Liebes-und Lebensunfähigkeit wirklich mit ihr teilen können. Ein Roman, über den Glauben an die Liebe, über das Zweifeln und Verzweifeln am Leben, der aber mit der schönsten Hoffnung des Lebens endet: mit einem neuen Menschen.Die Autorin Kat Eryn Rubik hat sich einen Künstlernamen verpasst, der in keine kulturelle Schublade zu schieben ist. Geboren in St. Petersburg gilt sie heute als Berliner Schriftstellerin, Komponistin und Multimediakünstlerin.

DuMont Buchverlag, 24 Euro

„Schwarzer Schwan“ von Theres Essmann: Ein eleganter Roman über gescheiterte Träume, unerwartete Freundschaften und neue Hoffnungen.

Jürgen Krause ist Taxifahrer in Köln. Nicht Chauffeur wie weiland sein Vater mit Limousinen-Service für Prominente. Unverhofft fordert ihn ein alter mürrischer Herr mit Namen Federico Temperini als Privat-Chauffeur an, meistens zur Philharmonie und immer mit einem dicken Geldumschlag als Lohn. Allmählich findet Jürgen Krause heraus, dass Temperini ein Experte für den Teufelsgeiger Niccolò Paganini und dessen Kompositionen ist. Temperini füttert das Geldkuvert mit immer mehr Informationen über sein Idol und versucht krankhaft, seine verkrüppelte Hand vor dem Taxifahrer zu verstecken. Langsam entwickelt sich eine Art Freundschaft, in der Krause den alten Herrn am Arm zum Konzertsaal oder zur Haustür geleiten darf. Ja, der Klassik-Verächter besucht sogar ein Konzert und beginnt, sich für Paganini zu interessieren und dem bitteren Geheimnis seines Fahrgastes auf die Spur zu kommen. Temperini nimmt dafür Anteil an den Problemen, die Krause als geschiedener Vater hat. Sein sechzehnjähriger Sohn besucht ihn zwar regelmäßig, ist aber selbst hin- und hergerissen zwischen Papa Jürgen und seinem Stiefvater Ulrich. Als der Leo zu einer Kanada-Reise einlädt, die eigentlich Jürgen seinem Sohn versprochen hatte, kochen die Gefühle hoch. Temperini hat die versöhnende Idee und schlägt Neuseeland als neues Projekt vor. Als Temperini überraschend verstirbt, sorgt die Kneipen-Wirtin Maria für eine außerordentlich feierliche Trauerzeremonie mitten in der Nacht. Maria, ein großes Kölsches Herz, beschenkt die Menschen mit Zugewandtheit und Wärme und öffnet so andere Herzen. Es gelingt ihr auch bei Jürgen, der wieder gute Gefühle für seine private Situation und die Verbindung zu seinem Sohn entwickeln kann. So wie er auch dem alten Temperini durch Anteilnahme und Interesse so manches Lächeln entlockt hat. Eine schöne Geschichte vom Sich-Verlieren und Mit-Anderen-Wiederfinden.

Verlag Dörlemann, 144 Seiten, 22 Euro

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 25: „Blinde Geister“ von Lina Schwenk:„Wenn Familie zerbricht, macht es kein Geräusch“-es ist eine Art stille Post, wie Traumata in dieser Familie vererbt werden. Lina Schwenk, gelernte Krankenpflegerin und Ärztin, erzählt in ihrem Debüt-Roman sehr berührend, manchmal verstörend, von verletzten Seelen. Das Buch beginnt mit einem Ende, dem vereinten Sterben der Eltern Rita und Karl. In aller Innigkeit und Liebe. Von hier aus spannt sie ein ganzes Leben auf über mehrere Generationen mit eindrücklichen Charakteren, die sie auf erstaunlich wenigen Seiten überzeugend entwickelt. Es ist das Leben der Ich-Erzählerin Olivia. Sie und ihre Schwester Martha sind noch kleine Mädchen, irgendwann in den 1960er Jahren. Sie lieben es, im Schrank ihrer Großmutter Fritzchen mit alten Nachthauben als Masken Gespenster zu spielen: Blinde Geister. Als die lustige Großmutter sehr alt geworden ist, rutscht ihr etwas zum Krieg heraus: „…sie erzählt von etwas so Grausamem, das ihr wirklich passiert ist. Als sie bloß eine Mutter war und Rita bloß eine Tochter. Als Familie etwas war, das verging.“ Es geht um eine Vergewaltigung, es muss nicht deutlicher ausgesprochen sein. Rita und Karl sind die Eltern der beiden Mädchen. Karl war im Krieg, hat viele Narben, äußerlich und innerlich. Er spricht nicht darüber, aber er handelt. Wenn es ihn packt, müssen alle in den Keller ziehen, und mit Dosenravioli, Taschenlampen und Märchenbüchern Stunden und Tage verbringen. Rita sorgt viele Jahre dafür, dass die Kinder das als Abenteuer erleben, als Familienzeit. Genauso wie die Ausflüge im Bulli ans Meer. Unter freiem Himmel zu sein, ist für Karl die andere Möglichkeit, seine Panikattacken und Phobien auszuhalten. Karl und Rita sind ein verschworenes Liebespaar, eine eigene Blase. Die Kinder tun sich schwer, ihren Platz neben ihnen, mit ihnen zu finden. Und Rita will die Mädchen vor dem Keller und dem Bulli retten, als sie alt genug sind.  Sie wirft sie aus dem Nest, worunter vor allem Olivia leidet. Sie erkrankt psychisch und landet in einer Klinik, die ihr zum sicheren Hafen wird. All diese Erfahrungen bringen sie dazu, eine Ausbildung als Krankenschwester zu machen. Sie will sich Menschen zuwenden, mit ihnen sprechen. Und sie findet einen guten Draht zu alten vernarbten Männern wie ihr Vater einer ist. Als sie mit Paul zusammenkommt und sie ein Kind erwarten, möchte Olivia selbst auf Nummer Sicher gehen. Sie will eine Wohnung mit Keller suchen. Lina Schwenk macht nie zu viele Worte, aber die sind immer wieder staunenswert poetisch. Als Paul unheilbar erkrankt, sagt Olivia: „Seitdem muss ich die Tage erst vorsichtig aus Watte wickeln, wie Weihnachtskugeln, schauen, ob sie zerbrochen sind oder ob sie das Licht noch spiegeln.“Auch Pauls Vater Joris lässt der Krieg nicht los, er ist Sohn eines deutschen Soldaten und einer Norwegerin. Mutter und Sohn wurden dafür geächtet. Aber jetzt zieht er in ein norwegisches Seniorenheim, um sich ein Stück Heimat zurückzuerobern. Ava, seine Enkelin, verliebt sich in einen russischen Tänzer, als der Ukraine-Krieg ausbricht. Und ihre Mutter Olivia wird vom Familienerbe der Kriegserfahrungen wieder eingeholt.

Verlag C.H.Beck, 191 Seiten, 24 Euro