Buch-Rezensionen

Die Bücher werden auch in „Literatur am Vormittag“ in der Stadtbibliothek Ludwigsburg vorgestellt. https://stabi.ludwigsburg.de/site/Ludwigsburg-Stadtbibliothek-2021/node/19701400?QUERYSTRING=literaturliste

Die Känguru-Rebellion Hörbuch von Marc-Uwe Kling Wenn Menschen Dummes machen, muss man den Stecker ziehen. Wie wahr. Überhaupt ist das Känguru ein einziger Spiegel unserer Fehler, Schwächen und Unzulänglichkeiten. Auch wenn das Beuteltier und sein Schöpfer-Nachbar losziehen, um etwas dagegen zu tun, die Rebellion auszurufen. Aber wie setzt man sie dann auch in die Tat um? Eine Frage, die uns seit Jahren ständig beschäftigt. Wie rebelliere ich gegen Autokraten, Bürokraten, Preistreiber und Kriegsgewinnler? Das Känguru empfiehlt: Einfach auf die Straße gehen und zwei Menschen ansprechen. Daraus ergeben sich erhellende Kontakte. Die Frau, die ganz plötzlich nicht mehr unzufrieden ist, weil sie sich jetzt der Rebellion angeschlossen hat. Der Mann, der in der CDU ist, aber darin keinen Gegensatz zur Rebellion sieht. Das Känguru wäre nicht d a s Klingsche Känguru, wenn es nicht seinen eigenen Vorteil dabei erkämpfen würde. Und so wird wieder einmal die wunderbare, bitterscharfe Ambivalenz im Känguru-Werk deutlich, die jeden von uns umtreibt. Benzin kostet über zwei Euro? Okay, dann kann ja meine Nachbarsfamilie in den Ferien zu Hause bleiben und meine Blumen gießen, wenn ich an den Gardasee fahre. Täglich schlagen wir uns damit herum, das Richtige zu sehen und das Falsche nicht vermeiden zu können oder wollen.  Das Känguru schenkt uns die Möglichkeit, über uns selbst lachen zu können. Danke Känguru. Und danke Marc-Uwe Kling für die wieder sehr gelungene Hörbuchaufnahme, in der er sich aufspaltet in den Schöpfer-Nachbarn und den Känguru-Gast. Hörbuch, 387 Minuten, Download oder CD, 13 Euro, bei Bestellung im Marc Uwe Kling-Shop geht davon eine Spende an Lobby-Control.

Der Waldmeister von Jens Sparschuh Das Salz in der Suppe: Der Restaurant-Kritiker eines Berliner Radios geht eher unfreiwillig in Rente und weiß nicht viel mit sich anzufangen. Als ihm seine Wohnung gekündigt wird, ist die Krise komplett. Ausgerechnet in der Ferienwohnung des Gasthofes Zur Dubrower Mühle in Brandenburg mietet er sich ein. Obwohl die Wirtin des Gasthofes ihm ewige Feindschaft geschworen hat, seit er ihre Soljanka und ihren Saibling in seiner Sendung heftig verrissen hat. Nun müssen sie irgendwie mit einander auskommen  und die Wirtin Senta hört sich Odos Kritik nicht mehr länger mit an. Besser machen, verlangt sie. Und das tut er. Er über nimmt das Kommando in der Küche, wird vom Kritiker zum Koch und das Ausflugslokal boomt. Odo Weingärtner versöhnt die Brandenburger Landküche mit sächsischen Traditionen und modernen Trends, hält das Handwerk hoch und die Kosten niedrig. Auch seine Waldmeister-Bowle trägt dazu bei, dass Senta und Odo sich auch menschlich näherkommen. Die gelungene Neu-Erfindung eines Lebens, unterhaltsam und sympathisch, mit einem Schuss  Küchenlatein, praktischen Kochtipps nebenbei, und großer Liebe zum Kochen als Kulturgut. Dass Winnetou, Old Shatterhand und ein Naturarzt als Helden von Radebeuel die Zutatenliste verlängern, mag viele erfreuen und vielen zu viel sein. Appetit macht dieser Roman auf jeden Fall – aufs Lesen und auf ein gutes Essen. Kiepenheuer und Witsch, 368 Seiten, 24 Euro

Oroppa von Safae el Khannoussi Europa, eine Hassliebe: Oroppa ist ein arabisches Wort für Europa, und dieser Roman blickt aus der Perspektive von marokkanischen Migranten auf das Traumziel, das für viele zum Albtraum wurde. Manche fassen Fuß und finden doch innerlich keinen Halt.„Die Wahrnehmung von Fremdheit unterliegt einem permanenten Wandel“, schreibt Migrationsforscher Manuel Gogos. Dieser äußere und innere Wandel wird hier von vielen Stimmen orchestriert. Die berühmte marokkanische Künstlerin Salomé Abergel verschwindet aus ihrer Wohnung in Amsterdam. Auf die Suche machen sich ihre Agentin, ihr Sohn, ein Privatdetektiv und eine Gestalt aus Salomés Vergangenheit. Einst war sie als Dissidentin in einem der grauenhaften Foltergefängnisse von König Hassan II. inhaftiert. Ihr Peiniger von damals ist ihr auf der Spur, auf der Suche nach Absolution. Salomé erkennt ihn und verschwindet, taucht dabei ab in die Tiefen ihrer Qualen. Es gibt schon lange Romane über die Erlebnisse in den mörderischen Verliesen der bleiernen Jahre in Marokko. In „Oroppa“ nimmt sich Safae el Khannoussi, die 1994 in Tanger geboren wurde und mit vier Jahren in die Niederlande kam, als sehr junge Autorin  der Traumata der vorigen Generationen an. Aus einem wilden, oft rauschhaften, bildstarken Mosaik der Gefühle und Lebenserfahrungen bildet sie einen ganz eigenen literarischen Stil. Hanser Verlag, 337 Seiten, 26 Euro

Meine Liebe stirbt nicht von Roberto Saviano. Liebe in Zeiten der Mafia: Rosella und Francesco lernen sich in Florenz kennen, beide studieren. Sie verlieben sich, man könnte meinen „unsterblich“, aber so ist es nicht. Francesco stammt aus der Gegend von Reggio di Calabria, einer Hochburg der Ndrangheta. Francescos Vater ist ein Boss, die Familie in tödliche Fehden und Rachefeldzüge mit anderen verstrickt. Rosella ist blind vor Liebe, erst bei einem Familienbesuch beginnt sie die Wahrheit zu erkennen. Obwohl ihr Francescos Schwester klarmacht, dass sie immer die Fremde bleiben wird, setzt Rosella auf die Macht ihrer Liebe.
Sie will die Dinge ändern, Francesco auf die andere Seite ziehen, die Regeln nicht respektieren.  Sie wird scheitern, aber ihre Liebe stirbt nicht.
Es ist spannend und anrührend, wie Roberto Saviano die wahre Geschichte der Rossella Casini zu einem Roman verdichtet. Wie er Verhörprotokolle und Gerichtsakten mit Leben füllt. Etwas überzogen in der Liebespoesie, aber trotzdem lebensnah. Saviano verbringt sein Leben quasi mit der Mafia, bleibt ihr auch literarisch auf der Spur, inklusive seiner Leibwächter. Mögen gute Mächte ihn weiter beschützen. Hanser Verlag, 400 Seiten, 26 Euro

Unser Haus mit Rutsche von Sofia Al Bagdadi Eine Reise ins Innere einer multikulturellen Familie. Layla und ihr kleiner Bruder Nouri wachsen in einer bunten Familie auf. Ihr Vater ist Iraker, hat in Saarbrücken studiert und dort seine französische Frau Claire kennengelernt. Sie sprechen Deutsch, Französisch und die Kinder auch ein wenig Arabisch mit ihrem Babe, dem geliebten Vater, der voller Geschichten steckt. Mit seinen Kindern verwandelt er das verwinkelte, dschungelartige Haus in Phantasielandschaften. Sie reisen im Wohnzimmer zwanzigtausend Meilen unter den Meeren oder erklären die Diele zur arktischen Eisfläche. Die schöne, elegante, oft unnahbare Mutter behält den gelassenen Überblick. Es gibt eine Maxime: Keine Religion. Die Eltern erziehen ihre Kinder atheistisch, ohne Weihnachten oder Ostern als kulturelle Traditionen auszulassen. Fast ein Idyll, gäbe es die mächtige und strenge Oma Lyne im Elsass nicht, die ihren Schwiegersohn Amir für einen Versager hält. Und tatsächlich schafft er mit keinem seiner geplanten Geschäfte den ersehnten Durchbruch. Seine Versprechen kann er nicht einhalten: ein Haus in Bagdad mit überlanger Rutsche in den Tigris oder ein Penthouse in New York. Ein Besuch bei den Verwandten im Irak bringt erste Risse zum Vorschein. Als das Wirtschaftsembargo im Zweiten Golfkrieg Amir endgültig ruiniert, verändert sich seine Persönlichkeit. Er entdeckt den Koran. Er wird religiös, Will Alkohol und kurze Röcke verbannen. Die Familie zerbricht darüber. Layla, die uns die Geschichte erzählt, leidet noch als Erwachsene darunter, dass sie ihren Vater geliebt, aber nicht gekannt hat. Ein lebendiger, unterhaltsamer Roman, der trotzdem sehr tief nach den Ursachen von Verwerfungen in Familien mit unterschiedlichen Kulturen forscht. Kurze Ausblicke in eine bedrohliche Zukunft, Einschübe aus der schwierigen Gegenwart der erwachsenen Layla und lustvolle Rückblicke in ihre Kindheit bauen eine raffinierte Spannung auf. Hanser Verlag, 320 Seiten, 24 Euro

„Sonnenspiel“ von Andrea Grill

 Eine apulische Madonna verhilft einer Mode-Journalistin und einer Näherin zu einer überraschenden Freundschaft. Zwei Frauen mit Spitzenqualifikation in der Mode treffen in Apulien aufeinander. Die eine ist eine bekannte Mode-Journalistin für die wichtigste Tageszeitung in New York und macht Ferien am Strand. Die andere ist eine einheimische Witwe, lebt mit Eltern und drei Kindern im Dorf und arbeitet als begehrte Näherin für Luxus-Marken. Loredana veredelt Kleider, Röcke, Kostüme, Hosen mit dem letzten Schliff und Pfiff. Mit Rüschen, Stickereien, Ziernähten, Knöpfen nach ihrem Design. Zwanzig, dreißig Stücke am Tag macht sie fertig, sie ist Heimarbeiterin im Akkord. Das will die glamouröse Journalistin nicht hinnehmen, sie wittert ein schlagkräftiges Thema und will Loredanas soziale Situation anprangern, ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen, höhere Bezahlung einfordern. Deswegen schleicht sie sich in Loredanas Haus, die sie prompt in die Speisekammer sperrt. Nicht für Stunden, sondern für Tage. Loredana will keinen Bericht, sie will sich ihr Leben und ihre Arbeit nicht schlecht reden lassen. Und sie weiß ganz genau, dass die Journalistin noch nicht mal ahnt, wie streng die Regeln im Dorf sind. Nach der Befreiung aus der Speisekammer sind es Loredanas Kinder, die den ungebetenen Gast in ihre Welt hinüberziehen. Sie lieben die ungewohnten Spiele mit der Fremden und die Zeit, die sie ihnen widmet. Der ständige Ärger zwischen den beiden Frauen löst sich auf wundersame Weise, als Loredana ein neues Kleid für die angebetete Madonna der Ortskirche nähen soll. Sie werden die Fasern der Sonnenspiel-Pflanze nutzen und hecken eine revolutionäre Idee für die Bekleidung aus. Und so stiftet die Madonna eine vielversprechende Freundschaft zwischen den beiden Frauen. Das ist leicht, klar und gut erzählt, die Fäden sind geschickt verwoben. Die Perspektive wechselt von Kapitel zu Kapitel und ergibt gut nachvollziehbare Porträts beider Hauptfiguren. Dabei lernt man eine Menge über die Niederungen der Haute Couture oder Alta Moda, über den Arbeitsalltag einer Näherin und die Wahrheit hinter den hochpreisigen Einzelstücken. Eine schöne Geschichte, die Apulien-Reisende an vertraute Orte führt und sehr gut ohne den Schlenker ins Krimi-Genre am Ende ausgekommen wäre. Leykam Buchverlag, 256 Seiten, Euro 25,50

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt Die Sowjetunion zerfallen, die Berliner Mauer weg, der eiserne Vorhang auf dem Müll der Geschichte, da zieht es doch manchem den Boden unter den Füssen weg. Vor allem, wenn man bisher sein Geld beim Geheimdienst der BRD verdient hat. Wie Dieter Germeshausen, der für Zeugenschutzprogramme und neue Identitäten von Überläufern aus dem Osten zuständig war. Da er seine Arbeit nicht ausreichend gewürdigt fand, verpflichtete er sich auch der Gegenspionage. Alles dahin, wen soll man jetzt eigentlich noch ausspionieren, wie sein Leben ordentlich finanzieren? Und gerade jetzt, da sich Dieter Germeshausen endlich verliebt hat. Und zwar in Rom, wo er auf einen unbedeutenden Posten abgeschoben worden ist. Aber Germeshausen hat noch große Pläne und dafür braucht er Jakob Dreiser. Einen sehr jungen, sehr gefeierten Dichter. Der ist ein Kommunikationsgenie. Jeder spricht gerne mit ihm, er kann jedem zuhören, auf jeden eingehen. Er kann alles, was Germeshausen verabscheut. Tatsächlich findet der Poet eine neue Berufung als Spion, und das Glück des Anfängers ist ihm hold. Alles geht ihm leicht von der Hand. Doch Regeln und Befehle müssen auch in der neuen Welt beachtet werden, wenn man nicht die Falschen gegen sich aufbringen will. Eine rasante Schelmengeschichte, sehr amüsant erzählt. Und eine Erinnerung daran, wie leicht wir uns von politischen Entwicklungen täuschen lassen und darüber das Große und Ganze aus dem Auge verlieren. Klett Cotta, 288 Seiten, 25 Euro

Können Sie mich sehen von Martin SuterStolz und Vorurteil in der Chefetage: Mit spitzer Feder zeichnet Suter ironische Porträts einer besonderen Spezies von Führungskräften: unersetzlich, unwiderstehlich, unangreifbar und unausstehlich. Aber auch unsicher, durchschaubar, verletzlich und bemitleidenswert. Es ist schon eine besondere Kunst, so knappe Studien komplexer Charaktere auf jeweils zwei, drei Seiten zu erschaffen. Da ist der Karrierist, der in sich weibliche Führungsqualitäten entdeckt und sie bekämpft, um nicht weiter an die gläserne Decke zu stoßen. Oder der Manager , der die Anordnung von oben, sofort zum Duzen überzugehen falsch versteht. Den CEO zu duzen, war damit nicht gemeint. Und dann die Katastrophe: Home Office. Wo bitte ist zu Hause das angemessene Vorstandsbüro mit PA, persönlicher Assistentin? Wo ist die Bühne für den täglichen Chef-Auftritt? Wer bin ich ohne abhängiges Publikum und seinen Beifall? Und macht da jetzt jeder was er will, ohne Kontrolle? Die kann nach hinten losgehen. Wenn man ständig versucht, zwei Mitarbeiter anzurufen und deswegen selbst für den obersten Chef unerreichbar ist. Unzuverlässig eben.
Das ist meist amüsant, manchmal zum Fremdschämen, manchmal banal wie das Leben. Auf Jeden Fall sehr elegant, sozusagen im Dreiteiler geschrieben, mit polierten Schuhen. Satirische Szenen aus den Chefetagen der Wirtschaftswelt. Diogenes Verlag, 208 Seiten, 26 Euro

Der letzte Sommer der Tauben von Abbas Khider

Frieden und Freiheit – dafür stehen die Tauben in diesem Roman. Der vierzehnjährige Noah und sein Onkel Ali sind begeisterte Taubenzüchter. Sie bewundern die Flugkünste, die Treue der Tauben zum Schwarm, zum Schlag und die Hierarchiefreiheit unter den Tieren. Ein Gegenbild zu den Islamisten des IS, die die Herrschaft im Ort übernehmen. Noah muss seinem Vater im Bekleidungsgeschäft helfen, Werbebilder mit Frauen von den Verpackungen zu entfernen oder zu schwärzen. Lippenstifte, Musik, Handys, Fernseher – alles wird verboten, eingesammelt, verbrannt. Mutter und Schwester dürfen nicht mehr alleine auf die Straße. Auch Noah muss sie begleiten und hat weniger Zeit für seine Tauben. Wie kann man sich wehren, wie kann man weiter frei denken? Eine Frage, die Abbas Khider persönlich bewegt. Er ist 1973 im Irak geboren und saß dort länger im Gefängnis, bevor er nach Deutschland fliehen konnte. Noahs Welt wird immer enger, sein großer Bruder und sein bester Freund haben bereits die Seiten gewechselt und sind beim IS. Sein Schwager ist verhaftet. Seine beste Freundin Fatima wird mit einem IS-Kämpfer aus Deutschland verheiratet. Ironie des Schicksals: Ralf Abu Islam kommt aus einer Taubenzüchterfamilie im Ruhrgebiert. Noah versteht sich bestens mit ihm. Nach und nach kommt Noah seinem Onkel Ali auf die Schliche. Der ist der Schelm, die Künstlerseele und der heimliche politische Kopf der Familien. Er entwickelt Ansichten zur Religionsfreiheit und nutzt die Tauben für Widerstandsaktionen. Sein Neffe beim IS wird ihn vor der Verhaftung warnen und sicher ins Ausland bringen lassen. Und auch Noah wird gerettet. Diese Augenblicke der Menschlichkeit bei den schlimmsten Feinden erfüllen die Geschichte mit einer besonderen Wärme. Doch auch die Tauben sind in Gefahr, sie dürfen nicht mehr von den Dächern frei in den Himmel fliegen und werden hinunter in die Höfe verbannt.  Trotzdem sorgen sie bis zum Schluss für die Magie der Hoffnung, den Glauben an den weiten Horizont und an die Phantasie, die auch Menschen frei fliegen lässt. Hanser Verlag, 216 Seiten, 24 Euro

Das gute Benehmen von Molly Keane

Die Familie – ein Kartenhaus: Die Familie St. Charles – irische Grundbesitzer – wird nur noch von einem Netz traditioneller Regeln vor dem materiellen und emotionalen Verfall bewahrt. Das gute Benehmen, der aufrechte Gang sollen über alle Verwerfungen hinwegtäuschen. Und das sind viele: Der Vater bringt in den 1920er Jahren das Geld als begeisterter Jäger und Frauenheld durch. Aber er ist beliebt, strahlt Wärme und Anteilnahme aus. Die kühle Mutter interessiert sich nur für ihre Malerei und den Garten. Sie ignoriert den ständigen Ehebruch, das Paar hat seine eigene Vertrautheit. Sie vergöttern den Sohn Hubert, der bei einem Autounfall ums Leben kommt. Und auch die Tochter Aroon liebt ihren Bruder über alles. Aroon ist das schwarze Schaf, laut, dick, groß. Die Mutter lehnt das Mädchen rundweg ab, der Vater versteht Aaroon als einziger und schenkt ihr Zuwendung, versteckt das aber vor seiner Frau. Aroon erfährt so immer wieder Zurückweisung, mit Ausnahme einer Zeitspanne, in der sie mit ihrem Bruder und dessen Freund Richard feiert, tanzt und glücklich ist. Aroon erzählt die Geschichte einer Fassade, sie sieht die Details, aber versteht sie nicht. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, ignoriert sie die Homosexualität von Hubert und Richard. Denn sie hat Richard zum Bräutigam auserkoren. Ein Traum, der scheitern muss und an dem sie fast zerbricht. Aber: Schütteln und Krone wiederaufsetzen, Haltung ist alles. Das Schicksal wendet sich, als der Vater stirbt. Aroon wird ihre Rache nehmen. Auch die schlimmsten seelischen Verletzungen werden lässig und lakonisch erzählt, und machen die dramatischen Ereignisse zu einem amüsanten Lesestoff. Der Roman ist eine Wiederentdeckung aus dem Jahre 1981. Die irische Autorin Molly Keane, verstorben 1996,  hat ihn mit 77 Jahren veröffentlicht und er wurde sofort für den Booker-Prize vorgeschlagen. (Kjona Verlag, 336 Seiten, 26 Euro)

Mr. Saitos Reisendes Kino von Annette Bjergfeldt

Ein Tango des Lebens, ein Hoch auf die Liebe: Es ist der letzte Satz des Buches, der alles auf einen Nenner bringt: „Uns bleibt keine Zeit für etwas anderes als die Liebe.“Kleine und große Wunder durchziehen dieses Buch und verzaubern den Leser. Da ist Fabiola, bei Nonnen in Buenos Aires aufgewachsen, die ein angeborenes Talent für Tango hat und den magischen Blick für Füße und Schuhe. So wird sie zur begehrten Schuhverkäuferin für die Prominenz, bis sie in politische Proteste verwickelt wird und mit ihrer kleinen Tochter auf ein Schiff flieht. Auf einer kleinen windumtosten Insel in Kanada werden sie an Land gesetzt. Und Carmelita, genannt Lita, wird alles dafür tun, damit ihre großstadt- und tanzssüchtige Mutter Fabiola auf diesem einsamen Eiland bleibt. Lita findet hier die Großfamilie, von der sie immer geträumt hat. Die gleichaltrige Oona, die gehörlos ist, aber perfekt Lippen lesen kann, wird ihr zur Schwester. Deren Mutter Maggie, die das Seemannsheim Betlehem, mit warmer Gastfreundschaft und noch wärmeren Suppen führt, wird zu Zweitmutter. Und Maggies Ehemann Albert, den ein eisernes Korsett zusammenhält, weil ihn ein Wal einst an Land gespuckt hat, wird zum lebensrettenden Freund. Weitere wundersame Lektionen fürs Leben erteilt der Tierarzt, der am liebsten einer Schallplatte mit Herztönen des Dorfes lauscht, und den Mädchen Schulstunden in Anatomie und griechischer Mythologie erteilt. Das größte Wunder aber ist Mr. Saitos, der einmal im Jahr mit seinem Wanderkino auf der Insel erscheint. Die Mädchen sind verzaubert von den Lichtspielen. Als Oona dank des Einsatzes von Schweinsblasen als Trommelfell ihr Gehör wieder findet, führt Mr. Saitos sie in die Kunst des Geräuschmachens ein. Lita lernt, Filme zu schneiden und beide machen später in der Filmwelt ihr Glück. Fabiola eröffnet auf der von ihr einst so verpönten Insel einen erfolgreichen Tango-Club samt hoffnungsvollem Liebhaber. Die Geschichte ist so leicht erzählt, so herzenswarm im Ton, so voller liebenswerter Figuren, dass man sie gar nicht loslassen, sondern mit ihnen über das Ende des Romans weiterschweben möchte. Harper Collins Verlag, 541 Seiten, 24 Euro

„Kurilensee“ von Sophia Klink

„Kurilensee“ erzählt von der Wissenschaftlerin Anna und ihren Kollegen, die auf der russischen Halbinsel Kamtschatka den Lachsbestand vor dem Klimawandel retten sollen. Eine ökologische Herausforderung, die den ökonomischen Faktor Fisch erhalten soll. Möglich ist das nur noch durch einen Eingriff: Phosphatdüngung in den See. Aber was wird das für Folgen haben? Anna ist voller Zweifel und leidet unter der herablassenden, gleichgültigen Haltung ihrer Kollegen. Auch ihr Liebster Vova, Ranger auf der Station, mag sich nicht offen zu Annas Argumenten bekennen. Der Roman ist ein fesselndes Eintauchen in die Gedanken- und Gefühlswelt einer Wissenschaftlerin, für die jedes Leben in Zellen und Chromosomen vor ihrem inneren Auge erscheint. Das ist teilweise sehr, manchmal zu detailliert beschrieben. Doch äußerst ungewöhnlich der Perspektivwechsel, wieviel Mücke bin ich, wieviel Mensch ist die Mücke? „Meine Haut ist ein gedeckter Tisch für sie….Schon jetzt bestehen ein paar dieser Mücken zum Teil aus mir und ich zum Teil aus ihnen.“ Anna findet es schön, auf diese Weise den Lachsen als Nahrung zur Verfügung zu stehen. Deswegen stören sie die Stiche kaum. Auch ein mögliches Bewusstsein der Lachse beschäftigt sie, wie werden sie auf den erneuten Eingriff der Wissenschaft reagieren, Anpassung oder Auslöschung? Das alles spielt vor der phantastischen Naturkulisse von Vulkanen und weidender Bärenfamilien. Die Liebesgeschichte zwischen Anna und Vova ist fein  eingewoben und schafft eine dichte poetische Atmosphäre. Das Thema Klimawandel in einer gelungenen literarischen Umsetzung. (Frankfurter Verlagsanstalt, 2025, 240 Seiten, 24 Euro )

Anna oder: Was von einem Leben bleibt von Henning Sußebach (C.H.Beck Verlag, 205 Seiten, 23 Euro

Wir sind Zwerge auf den Schultern von Riesinnen: Das ist ein Fazit aus der erzählerischen Annäherung von Henning Sußebach an seine Urgroßmutter Anna. Anna kommt Ende des 19. Jahrhunderts als Lehrerin an eine Dorfschule im tiefsten Sauerland. Eine heimliche Liebe verbindet sie mit Clemens, dem etwas jüngeren „Prinzen“ des Ortes. Clemens ist Sohn und Alleinerbe des Mannes, dem grosse Landwirtschaft, die Posthalterei, das Wirtshaus und der Einzelhandel gehören. Eine gute Partie, aber nicht für eine einfache Lehrerin. Die Familie lehnt Anna rundheraus ab. Zudem ist es Lehrerinnen verboten zu heiraten. Anna müsste ihre Stelle aufgeben. Ein Techtelmechtel kommt auch nicht in Frage, sie muss Vorbild sein. Zwölf lange Jahre heißt es, ganz im Stillen sehnen, begehren, sich quälen. Und hier kommt das ganz besondere an Sussebachs Erzählkunst ins Spiel. Er lässt uns ahnen, was das bedeutete: keine Ablenkung, kein Radio, kein Fernsehen, kein Internet. Hier und da ein paar heimliche Gedichtzeilen. Sußebach muss mit fast nichts auskommen auf dem Weg zu seiner Urgroßmutter, ein Poesiealbum, eine Tasse, ein paar Bilder. Und viele Erzählungen. Aber wer erzählt da? Niemand aus Annas Generation. Weitergegebene Familiengeschichten in allerlei Variationen. Wenig verbriefte Fakten gibt es, zum Beispiel der Tod von Clemens Vater, auf den ruckzuck endlich die Hochzeit folgen kann. Anna arbeitet sich in das Unternehmen ein. Und als nach kürzester Zeit Clemens tragisch durch einen Unfall stirbt, schmeißt sie den Laden alleine. Wird auch Poststellenleiterin, unerhört zu dieser Zeit, und trotz aller Anfeindungen durch Clemens Familie und den Alteingesessenen. Jahre später sucht sie sich wieder einen Mann zum Heiraten, diesmal neunzehn Jahre jünger.
Eine erstaunliche Frau, die einfach frei entscheidet, was gut für sie ist. Sussebach behauptet nie, dass er Anna kennt, dass er sie versteht . Im Gegenteil, er benennt die Lücken und kreist Annas Leben durch historische Fakten ein. Er schafft Möglichkeiten, dass wir uns selbst Bilder von Anna machen. Sie selbst umgarnen und einfangen . Das schafft eine große Anziehung und erstaunliche Nähe. Und dann dreht er den Spieß um und lässt Anna auf uns blicken, auf das, was wir trotz aller unserer Möglichkeiten nicht geschafft, verbessert und zum Guten gebracht haben. Danke Anna. Ein außergewöhnliches, meisterhaftes Porträt.